Der Melle und der Ito

Nachdem mich der Krisenwandler über Twitter persönlich darum gebeten hat, einen Beitrag für seine Blogparade zu schreiben, dachte ich mir: Komm, da mach ich mit! „Bücher, die mein Leben verändert haben“ gibt es sicher einige, und eins kam mir gleich in den Sinn. Eins, über das ich eigentlich schon lang schreiben wollte. Also… Hier ist meine persönliche Geschichte über „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle.

Jetzt also doch noch ein paar Worte über Melle. Eigentlich wollte ich schon lange über ihn schreiben und über seinen großen autobiografischen Roman, über „Die Welt im Rücken“. Wenn es ein Buch gibt, das mein Leben verändert hat, dann war es wohl dieses. Aber wie kam’s dazu, und wieso gerade dieses?

Zunächst sollte man wissen, dass Melle bipolar ist. Ich kann das hier ruhig verraten, er macht selbst kein Geheimnis aus seiner Erkrankung – im Gegenteil, in seiner Autobiografie macht er die Krankheit so öffentlich wie eben möglich, um zu erklären, wie es zu den vielen Begebenheiten kam, die manchen seiner Bekannten – und sicher auch manchen, die ihn gar nicht kannten – völlig unverständlich schienen. In seinem Roman, in seiner Biografie, in seiner Selbstentblößung bekennt er sich zu seiner Bipolarität und legt Zeugnis darüber ab, was er wann gemacht hat, warum er es gemacht hat und was dabei ihn ihm vor sich ging.

Ich besorgte mir mein persönliches Exemplar beim Buchhändler des Vertrauens – dem kleinen Laden um die Ecke, hier in meinem Kiez, wo man von echten Menschen echte Bücher kaufen kann. Die beste Frau von allen sagt zwar immer, ich soll mehr elektronisch lesen, weil zu viele Bücher ja manchmal auch Ballast sein können, aber ich bin da wohl ein wenig old school – Papier bietet ein ganz anderes Leseerlebnis als ein Endgerät, und Bücher kann man auch sehr schön verleihen oder lieben Menschen zum Geschenk machen.

Wieso ich mir mein persönliches Exemplar besorgte? Ich tat’s auf persönliche Empfehlung meiner Hausärztin. Sie meinte, Melles Geschichte wäre auch für mich interessant… und das war sie, in der Tat: Wie offen Melle mit seiner Erkrankung umging, das nötigte mir schon Respekt ab. Und vermutlich hatte meine Hausärztin geahnt, dass dieses Buch das Richtige für mich sein würde.

Aber wieso? Nun, was der Melle hat, das hat der Ito auch – eine offizielle Diagnose, die erklärt, warum er die Welt so anders wahrnimmt als der Rest der Bande. Der Unterschied zwischen Melle und Ito besteht allerdings darin, dass der eine seine Bipolarität (vielleicht?) in erster Linie als Krankheit wahrnimmt, während der andere schon früh auf den Trichter gekommen ist, dass es sich bei der manischen Depression auch um eine Gabe handelt, die es dem Menschen ermöglicht, die erstaunlichsten Zusammenhänge wahrzunehmen, die sich dem normal denkenden Menschen entweder gar nicht erst erschließen – oder die doch zumindest so komplex sind, dass der normal denkende Mensch erst lang und hart nachdenken muss, bis er endlich versteht, was der Bipolare als vollkommen selbstverständlich und offensichtlich anerkennt.

Kurz gesagt: Ich bin auch bipolar. Meine erste Diagnose hat man mir am 1. März 1995 angedeihen lassen, damals hatte ich eine „schizoaffektive Psychose aus dem maniformen Formenkreis“. Dabei hatte ich nur einen ambitionierten Plan, fand aber leider im direkten Umfeld keine Unterstützer, die mir dabei helfen wollten oder konnten, „die Welt zu retten“ und „der beste Manager des Planeten“ zu werden. Ja, das waren damals meine Ziele. Und ich erzählte allen davon, die’s nicht wissen wollten, die’s nicht interessierte, bat um Unterstützung… und landete am Ende erst bei den Pennern und den Nutten, die mir ein offenes Ohr schenkten oder vermieteten, dann aber in der Psychiatrie, wo man mich „therapieren“ wollte. Was naturgemäß fehlschlagen musste, denn schließlich war ja nicht ich krank, sondern der Planet, die Spezies… oder gut, na ja, vielleicht war ich schon ein wenig krank, aber es waren ja die Verhältnisse, die mich krank gemacht hatten. Insofern hätte man mit mir zusammen eigentlich den Großteil der Freien in die Geschlossene sperren können, aber am Schluss hat’s eben mich erwischt – und die „Gesunden“ hatte ich mit meinen Reden inspiriert, wie’s schien. Einige meiner Pläne schienen wohl so verrückt, dass man sie einfach spaßeshalber in die Tat umsetzen wollte… allerdings leider nicht immer in der Art, die ich ursprünglich im Sinn gehabt hatte. Aber egal. Ich schweife wieder ab. Dabei soll’s doch hier in erster Linie um Melle gehen.

Sein Buch erscheint im August 2016… Just zu dieser Zeit verbringe ich wieder ruhige Tage in der Psychiatrie, nachdem ich in einem Herkulesakt versucht habe, mich nach dem Brexit-Votum vom 23. Juli dem weiteren Zerfall der Europäischen Union in den Weg zu stellen. Vermutlich ist es ganz selbstverständlich, dass man sich mit solchen Aktionen selbst in die Psychiatrie einweisen lässt, der Zustand der EU war nach dem Brexit… nun, zumindest war die Situation angespannt, der Schock saß tief, nicht nur bei mir. Aber in meiner Bipolarität sah ich es als meine Pflicht an, neben meiner Arbeit als Übersetzer das Projekt „People“ zu starten und in Text und Bild für die EU zu werben.

Nach der glücklichen Entlassung, mittlerweile schreiben wir wohl Oktober, empfiehlt mir die Ärztin die Lektüre von Melles Geständnissen. Zu dieser Zeit habe ich schon seit Ewigkeiten kein gutes Buch mehr in der Hand gehabt, aber ich denke: Den Versuch ist’s wert… und die Berichte und Erzählungen von Thomas Melle flashen mich total. Ich bin nicht allein, denke ich, und wir leben in einer Zeit, in der man sich ruhig öffentlich dazu bekennen kann, bipolar zu sein. Und so wächst ein „Buchprojekt“, das ich vor dem Brexit angefangen hatte, in meiner Fantasie zur titanischen Offenbarung. Zwar habe ich bis jetzt erst ein paar Seiten zu Papier gebracht, aber in meinem Kopf ist alles schon so gut wie fertig. Ich muss eigentlich nur noch die Muße finden, mit dem Schreiben von Band eins mal wieder anzufangen, der Rest ergibt sich dann vermutlich on the go oder on the fly.

Man könnte wohl sagen: Melle hat mir Mut gemacht, mein „Opus Magnum“ in Angriff zu nehmen. Melle hat mir Mut gemacht, mich zu meiner Bipolarität zu bekennen. Melle hat bewiesen, dass auch Bipolare richtig geile Bücher schreiben können. Dafür sei ihm hier gedankt.

Was aber mein persönliches Exemplar seines autobiographischen Romans angeht: Ich hab’s an meine Mama weitergereicht – damit sie auch mal weiß, wie’s bei mir im Kopf aussehen kann. Sie hatte streckenweise Tränen in den Augen bei der Lektüre. Nach ihr sollte das Buch eigentlich noch mein großer Bruder lesen, muss bei Gelegenheit mal fragen, ob Melles Werk inzwischen bei ihm angekommen ist.

Meine Familie ist ziemlich groß. Und ich schätze, dieses Buch wird bei Gelegenheit auch noch im Freundes- und Bekanntenkreis zirkulieren, damit auch wirklich jeder weiß, wie verrückt der Melle (und der Ito!) wirklich ist.

Und spätestens an dieser Stelle schlägt Papier das digitale Endgerät: Man kann Papier verleihen, einen Kindle aber verleiht man nicht so oft und nicht so gern – fast möchte ich schon sagen, das Buch ist das klassische, das wahre soziale Medium.

Guter Gedanke zum Schluss dieses Texts… Bei Gelegenheit werde ich darüber bestimmt noch etwas weiter philosophieren.

8 Gedanken zu „Der Melle und der Ito“

  1. Also Thomas, ein sehr interessanter und persönlicher Bericht und das Buch will ich mir jetzt auch kaufen, danke für den Tipp! Nur finde ich, dass „Penner“ und „Nutten“ sehr abwertende Begriffe sind …

    1. Danke für die lieben Worte, Arnd! Kann das Buch nur jedem empfehlen, der sich für die Bipolarität interessiert. Das mit den Pennern und den Nutten war natürlich nicht bös oder abwertend gemeint… Die Leute auf der Straße und im Puff haben mir schließlich sehr geholfen damals (und danach auch immer wieder). Trotzdem, danke für den Hinweis: Auch für mich spannend zu erfahren, wie Worte manchmal wirken können.

      1. Ja, ich war etwas verwundert, da Du ja eigentlich sehr sprachsensibel bist, wenn ich das so sagen darf. Aber ich krieg auch schon die Krise, wenn ein sog. Linker von den „Huren des Kapitals“ spricht und das auch nicht einsieht, das Sprache Bewußtsein schafft oder ändern kann; so in einer Facebook-Auseinandersetzung ist mir das passiert. Ich weiß noch nicht wann und ob ich mich öffentlich bekenne, bipolar zu sein, ich habe ja auch nur die zierliche Version davon, aber es ist bestimmt lustig, wie die Leute darauf reagieren, die meisten werden sagen – oder zumindest denken – ich habe mir ja sowas schon immer beim Arnd gedacht oder sie wissen gar nicht, was bipolar bedeutet, denn den meisten ist ja leider nur der (überholte?)Begriff „manisch-depressiv“ ein Begriff. Übrigens bin ich froh, dass ich „meisten(s)“ nicht mit „ß“ schreibe, wenn ich so was sehe, dann wird mir immer übel wobei ich natürlich weiß, dass ich auch Rechtschreibefehler mache und leider nicht nur diese. Am Mittwoch kommt das Buch in meiner Lieblingsbuchhandlung an, habe es online bestellt. Bei Amazon bestelle ich sowieso keine Bücher, aber das ist jetzt ein anderes Thema. Doch gibt es Leute, die Bücher mit sensiblen Themen nicht in der örtlichen Buchhandlung bestellen möchten, weil sie befürchten dann geoutet und zum Stadtgespräch zu werden, als wär man nicht geoutet wenn man bei Amazon bestellt. So, Du hast Dich also auch (schon länger?) geoutet, wäre spannend, wenn Du mal über Deine Erfahungen damit berichtest!

        1. Puh, so ein langer Kommentar! Was soll ich denn da schreiben? Fangen wir am Ende an: Meine Erfahrungen mit dem Outing im Betrieb waren durchaus positiv – die meisten Kollegen hatten es vermutlich eh schon in der Gerüchteküche erfahren, und ein längerer stationärer Aufenthalt machte aus den Gerüchten dann Gewissheit. Aber glücklicherweise funktionierte die Wiedereingliederung damals recht gut, man hatte mich wohl als kompetente Kraft anerkannt und wollte mich nicht so einfach ziehen lassen.
          Das richtig krasse Outing gab’s dann allerdings erst 2016, als ich mal meine ganze wahnhafte Energie auf das „Projekt“ konzentrierte, das ich so laut wie möglich öffentlich bewarb: „People“ war in der Hinsicht schon ein echter Quantensprung. Klar, ich schreib mir oft die Finger blutig, um mich zu erklären, aber dafür genieße ich jetzt auch Respekt… oder zumindest bilde ich’s mir ein.
          Zur Sprachsensibilität: Klar, die ist durchaus vorhanden – Sprache formt die Gedanken, die wir uns über die Welt, in der wir leben, machen. Und Gedanken formen Sprache: 1995 war ich echt ganz unten angekommen, und ich denke, viele blickten damals auf mich herab. So, wie man auf „Penner und Nutten“ herabschaut. Ich denke, der Begriff war schon bewusst gewählt. Aber wie bereits erwähnt: Eine Abwertung der Menschen, die mir damals Kraft und Mut gegeben haben, war nicht beabsichtigt – das käme mir wirklich niemals in den Sinn!

          Dir erst mal einen wundervollen Dienstag!

    1. Hi Gustav,
      danke für den lieben Kommentar… und für den Link zu deiner Seite.
      „Kommunikation lernen“ klingt sehr spannend – da schaue ich sicher
      demnächst noch mal ausführlich rein.
      Viele Grüße, Thomas

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