Monochrome Purple

Was ist denn das? Heute postet der Ito einfach eine violette Farbfläche als Titelbild auf seinem Fotoblog? Was will der denn damit schon wieder sagen? Und: Hat der Mann denn kein anderes Bild zur Hand gehabt?

Natürlich hätte der Mann auch ein anderes Bild posten können – in letzter Zeit gräbt er sich aber wieder mal durch sein Archiv, und irgendwann vor acht Jahren hat er mal eine lila Wand schräg von der Seite angeschaut – und sich jetzt gedacht: Komm, irgendwie ist dieses Bild doch auch ganz schön, und bis jetzt habe ich’s noch nie gezeigt, da wird’s doch langsam Zeit. Aber warum?

Ein kurzer Blick ins WWW genügt um festzustellen, dass Lila unter anderem als Farbe von Selbstbezogenheit und Eitelkeit bekannt ist – und von da ist es nur ein kurzer Schritt bis zum Neid, über den Ronja von Rönne vor kurzem erst auf ZEIT online referierte. Ihren Text habe ich mit großem Interesse gelesen: Schön zu wissen, dass auch anderen Menschen, deren Texte weit größere Verbreitung finden als meine eigenen, das Konzept des Neids nicht ganz fremd ist. Schön, dass auch diese Menschen ihren Neid immer wieder als Ansporn sehen, noch bessere Texte zu schreiben als bisher. Dabei kann man die Texte von Frau von Rönne eigentlich schon jetzt gar nicht genug loben: Ihre kurze Meditation über gute Vorsätze und Größenwahn aus ihrer Feder habe ich zum Jahresanfang mit einem breiten Grinsen im Gesicht lesen dürfen, und auch einen Monat nach Neujahr ist sie noch amüsant genug, um hier verlinkt zu werden.

Das Gegenteil von Größenwahn, nämlich Bescheidenheit, empfiehlt Rolf Dobelli in der NZZ. Auch seinen Beitrag zur Debatte kann man eigentlich gar nicht genug wertschätzen: Wenn wir in hundert Jahren ohnehin alle tot sein werden, kann es uns doch eigentlich egal sein, dass heute noch keine Straßen nach uns benannt werden – oder etwa nicht? Dann würden uns vermutlich noch mehr Leute in der U-Bahn oder auf der Straße anstarren, und irgendwo wäre uns das vermutlich doch unangenehm. Das zumindest legt uns www.jetzt.de nahe, wobei: Vielleicht sind die im verlinkten Artikel diskutierte Soziophobie und die Einsamkeit, gegen die in England jetzt auch von einem eigenen Ministerium vorgegangen wird, ja nur zwei Seiten einer Medaille, die in der westlichen Moderne an verschiedensten Orten verliehen wird? Auch in Deutschland und in Österreich zum Beispiel wird das Thema ja gerade stellenweise kontrovers diskutiert. Aus der Schweiz hingegen erreicht mich ein Lob der Einsamkeit, das allerdings schon im November (also vor Erschaffung des „Ministry of Loneliness“) formuliert und von der NZZ ins Netz gestellt wurde.

Ein Text wie dieses Foto: Viel zu dunkel, zu verwackelt, ohne rechte Schärfe.

Hier findet sich auch ein Gedanke, der sich mir spontan erschließt, weil er erschreckend sinnhaft scheint: So richtig einsam ist der moderne Mensch ja mal gar nicht mehr in unserer Zeit… Im Netz findet ein beständiger Diskurs statt, und wenn man selbst bloggt (oder meinetwegen: Seine Gedanken in sozialen Netzen, Facebook, Twitter und Konsorten teilt), nimmt man manchmal sogar aktiv teil an dem Diskurs. Oder zumindest kann man sich das denken. Und das ist dann angenehm. Vor allem, wenn der Stilpirat (er ist gerade in Israel unterwegs und zeigt auf seinem Blog ein paar sehr sehenswerte Bilder) den eigenen Beitrag besucht und auf einen Pingback mit einem Backlink auf dem eigenen Blog antwortet – hey, das ist virtuelle Kommunikation, die ich sehr zu schätzen weiß. Auch wenn es sicher stimmt, was der Herr Böttcher neulich schrieb: Persönlicher Kontakt, zum Beispiel ein gemeinsames Essen, ist fast noch viel schöner als ein Pingback/Backlink/Kommentar im Blog.

A propos Essen: Schön fand ich einen Beitrag, den ich auf dem Foodblog www.sweet-trolley.com gefunden habe. Irgendwie ging es darum, dass man als Blogger authentisch bleiben sollte, auch wenn die kommerzielle Verlockung manchmal groß sein mag. Man sollte nicht für Produkte werben, die mit dem Thema des eigenen Blogs nur grob assoziiert werden können. Natürlich erinnerte mich das an den Fall der Influencerin, die sich ein Gratis-Wochenende im Hotel in Dublin wünschte… und stattdessen jede Menge ungewünschte mediale Aufmerksamkeit bekam. Vielleicht stimmt es ja tatsächlich, was Peter Strasser in dem oben verlinkten NZZ-Artikel postulierte: In der modernen Welt gibt es immer weniger Individuen, dafür ein immer größeres Diskurskontinuum, an dem wir alle, der eine mehr, der andere weniger, jeder nach seinem Wesen und nach seiner Art, teilhaben können. Wer Beef sät, wird Shit ernten, und der Shit wird in Form eines Sturms über den kommen, der ihn heraufbeschwört.

Meine selbst gekaufte, selbst bezahlte neue Kamera. Ich muss sie hier ganz einfach zeigen. Ist sie nicht ganz wunderbar?

Da frage ich mich doch: Habe ich selbst Beef gesät? Kurz vor Neujahr war es, da schrieb ich mal wieder eine Fatwa. Obwohl mir das als Christ sicher gar nicht zusteht. Gleichzeitig schrieb ich, obwohl das normalerweise dem Papst vorbehalten ist, eine Enzyklika. Und um die Verwirrung komplett zu machen, schrieb ich auch noch einen Brief an die jüdische Gemeinde Deutschlands, in dem ich zur Versöhnung der Religionen aufrief. Alle drei Dokumente schickte ich dann „statt gesonderter Leserbriefe“ an eine Auswahl deutscher Redaktionen und Organisationen, um an der Diskussion zwischen den monotheistischen Religionen teilzunehmen. Um diese Diskussion vielleicht auch wieder ein wenig zu beleben.

Denn Tatsache ist ja: Die Diskussion findet statt. Eigentlich schon seit den Zeiten Lessings, aktuell auch im Rahmen des Trialogs der Kulturen, auf den ich zufällig bei der Recherche zu diesem Blogbeitrag gestoßen bin. Insofern war es wohl kein großes Ding, wenn sich in der Schwarzwälder Regionalpresse und auch im Schwäbischen im Januar Berichte über Trialog-Veranstaltungen fanden. Als sich aber Anfang Februar sogar in der Major-Mainstream-Presse der Erfahrungsbericht eines muslimischen Religionslehrers fand, der mit seinen Schülern übers Judentum diskutierte, da dachte ich mir: Vielleicht besteht ja doch noch Redebedarf, und vielleicht interessiert das Thema ja doch nicht nur mich. Spannend ist in diesem Zusammenhang ja auch die Geschichte, wie kürzlich ein AFD-Mitglied zum Islam konvertierte und damit zumindest die anwesenden Journalisten bei seiner eigenen Pressekonferenz kurzfristig in Verwirrung stürzte.

Ein Testbild mit der selbst gekauften Kamera. Aus Bonn. Genauer: Aus dem Bonner Loch.

Ein kurzer Blick ins Netz genügt um festzustellen, dass Lila nicht nur für Selbstbezogenheit und Eitelkeit stehen kann, sondern auch als Farbe der Macht und der Ewigkeit, als Farbe der Gewalt und der Mäßigung Verwendung findet – also eine durchaus widersprüchliche Farbe ist.

Widersprüchlich ist es natürlich auch, wenn ich hier erst töne, dass ich meinen Artikel nur mit einer violetten Farbfläche illustriere und dann doch noch ein paar weitere Bilder dazu stelle. Aber diese Widersprüchlichkeit sei mir erlaubt: irgendwo geht’s in diesem Nicht-nur-Fotoblog zwar auch darum, irgendwie Text ins Netz zu stellen, aber irgendwie will ich dabei ja immer noch gelegentlich ein paar selbstgemachte Bilder zeigen.

Aber diese Widersprüchlichkeit lasse ich hier einfach stehen. Zumindest für den Augenblick. Letztlich geht’s in diesem Blogbeitrag wohl nur darum, ein paar Links zu setzen? Und um den Versuch, ein paar Gedanken zu sortieren? Was bei dem Sortieren letztlich dann herauskommt: Dazu demnächst mehr an dieser Stelle.

Ein Gedanke zu „Monochrome Purple“

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