Lob der Einfachheit

Mittwoch ist ein guter Tag zum Schreiben. Im Prinzip natürlich genauso gut wie Dienstag oder Donnerstag, im Prinzip wahrscheinlich genauso gut wie jeder andere Tag, aber dieser Satz schoss mir auf dem Heimweg von der Arbeit durch den Kopf, also will ich mit ihm den heutigen Blogbeitrag beginnen. Worum soll es heute gehen?

Zunächst geht es einmal um die Unabhängigkeit vom Algorithmus, die der Stilpirat auf seinem Blog neulich für sich selbst erklärte: Seinen Text habe ich gelesen und gedacht, das isses! Wer in sozialen Netzen aktiv ist, macht sich damit ja quasi ein Stück weit abhängig von der Anzahl an Herzen, Daumen, Loben oder sonstigen Reaktionen, und schon andere als ich sind auf den Gedanken gekommen: Das „Like“ auf Facebook ist soziales, legales Crack, ähnliches gilt auch für die Herzen, die man auf Instagram, auf Twitter oder sonstwo anklicken kann, und ich gebe zu: Ganz frei von der Wirkung dieser Droge kann ich mich auch nicht machen, als ich neulich ein Foto auf Twitter teilte und darauf massig Herzen und Retweets bekam, da war ich schon ein ganz klein wenig high aufgrund der Wahrnehmung, die ich im sozialen Netz der Wahl erfuhr.

Na gut, Retweets und Herzen halt… Soziales und legales Crack. Die Bloggerei kommt mir da schon etwas gesünder vor: Hier sieht man zwar auch, wie viele Besucher pro Tag auf welche Seite kommen, und manchmal kriegt man sogar einen Kommentar, aber das ist dann eher so etwas wie soziales, digitales und legales Gras… Der Kick ist wesentlich gesünder, und der Entzug (falls er denn irgendwann mal kommen sollte) sicher nicht so hart wie der von den modernen, massenkompatibel raffinierten sozialen Medien.

Dann gibt’s natürlich noch die Möglichkeit, auf so einem Blog Artikel zu verlinken wie zum Beispiel den über den entfernten Onkel Glück, den Ronja von Rönne neulich auf der Zeit online veröffentlicht hat. Die Vorstellung, dass die Autorin selbst den Pingback wahrnimmt und sogar einen Klick auf den selbst verfassten Text riskiert… Das ist dann vermutlich so etwas wie digitales, soziales Methadon: Kommunikation findet zwar nicht zwingend statt, aber allein die Vorstellung, dass Kommunikation stattfinden könnte, verschafft dem Konsumenten schon so etwas wie einen Kick.

Wer mit Drogen nichts am Hut hat, mag diesen Text arg verworren finden. Aber das ist ja das Privileg des Blogbeitrags, dass er auch einmal etwas freier assoziieren darf. Darin unterscheidet er sich zum Beispiel von der literarischen Gattung einer Denkschrift, wie ich sie neulich wieder verfasst und mit ausgewählten Redaktionen geteilt habe. Um im oben entworfenen Drogenbild zu bleiben, wäre ein solcher Text vielleicht als „digitales Baldrian“ zu verstehen, oder als „soziales Klosterfrau-Melissengeist“.

Richtig schön wurde es dann, als neulich Jakob Augstein auf Spiegel online bei der Behandlung eines völlig anderen Themas ganz am Rande einen Gedanken wiedergab, der mir auch selbst so ähnlich schon gekommen war… und auf die Schwachstelle in meinem Denken hinwies: Das Gefühl, dass hier Kommunikation über Zeit und Raum hinweg stattfand, war für mich so etwas wie… digitaler, sozialer, kommunikativer, vielleicht nur imaginierter Jägermeister?

Aber warum schreibe ich das überhaupt? Weil’s eben doch von ein paar Menschen angeklickt wird, weil ein Teil der Klicker diesen Text vielleicht auch liest, weil ein sozialer, digitaler, kommunikativer Joint wie so ein Blogbeitrag wesentlich gesünder ist als das legale Crack der Likes bei Facebook… und weil ich’s eben kann. Irgendwo im Internet, auf einem relativ bekannten Blog, habe ich neulich erst gelesen, warum man nicht schreibt. Die Gründe erschienen mir alle relativ nachvollziehbar. Ihn hier zu verlinken, ist so etwas wie digitales Baldriparan. Bloggen ist so einfach. Und beruhigend für die Nerven.

Vielleicht brauchen wir in dieser modernen Zeit, wo an den Lagerfeuern der Moderne soziale Medien zu sozialen Drogen werden, ja auch so etwas wie „soziale Drogenbeauftragte“, die den Menschen dabei helfen, mit den sozialen Drogen besser klarzukommen. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. Vermutlich ist’s im Prinzip auch irgendwie egal. Ich lade diesen kleinen Text jetzt einfach hoch, und dann sehe ich, was danach passiert. Mittwoch ist ein guter Tag zum Schreiben. Egal, ob und wann und wer es lesen mag.

3 Gedanken zu „Lob der Einfachheit“

  1. Priwjet!

    Das legale Crack der „Likes und Herzen“ ist mir auch schon des Öfteren in den Sinn gekommen und welche Auswirkung es wohl haben mag. Da fühle ich mich gleich irgendwo entspannter zu wissen, das ich mit dem Dashboard auf YouTube des eigenen Kanals nicht mal richtig umgehen kann.

    Inhalt vorbereiten. Inhalt erstellen. Inhalt hochladen. Fertig.

    Was im Anschluss kommt, nehme ich nicht immer wahr. Ob nun Daumen-Hoch oder Daumen-Runter – ist es derart relevant geworden? Scheinbar ist es das, wie auch schon aus deinem Blogbeitrag hier nur zu deutlich ersichtlich wird.

    Bloggen ist gesünder. *nickt* Eine überschaubare Reichweite wohl auch. *nickt nickt*

    Liebe Grüße wünscht dir
    Kevin.

    1. Hey Kevin,

      danke für den lieben Kommentar. Bloggen ist vielleicht auch deshalb gesünder, weil’s mit mehr Anstrengung verbunden ist – hat allerdings auch seine Risiken und Nebenwirkungen. So ein Blog ist ja doch verdammt öffentlich, und man stellt ja schon viel von der eigenen Persönlichkeit zur Schau. Auch, wenn jetzt aktuell kaum einer hinschaut: Blogs können ihre Reichweite ja auch erweitern.

      Bei YouTube falle ich in die Gruppe „reiner Gelegenheitskonsument“ – aktiv habe ich da noch nie was hochgeladen. Kann vielleicht noch kommen, muss aber nicht: Im Moment sind Texte und gelegentlich ein Bildchen hier veröffentlichen echt genug für mich.

      Viele Grüße,
      Thomas

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