Last Christmas

Es lässt sich wohl nicht länger leugnen… Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Und mit dem Jahresende naht sich auch das Weihnachtsfest, an dem wir Christi Geburt feiern, indem wir wie bekloppt durch die Geschäfte hetzen auf der Jagd nach den Geschenken für die Lieben oder für uns selbst, indem wir uns auf Weihnachtsmärkten frierend mit Bratwurst, Fettgebackenem und Glühwein amüsieren oder indem wir im Internet bestellen, was das Zeug hält, immer in der Hoffnung, dass der Paketbote es rechtzeitig liefern wird, damit wir unterm Baum auch etwas auszupacken haben.

Ich selbst habe die Weihnachtszeit unter anderem damit verbracht, mehrfach den Frankfurter Weihnachtsmarkt aufzusuchen, um frische Fotos zu machen, mit denen ein Blogbeitrag zum Fest illustriert werden sollte. Denn dass auch hier ein paar Worte zum Fest nicht fehlen dürften: Das war doch völlig klar, und da www.klangdeslichts.de ja irgendwie auch ein Fotoblog sein will, mussten der Not gehorchend ein paar frische Bilder her.

Der erste Eindruck – irgendwas ist hier verkehrt.

Jetzt will ich keinem die Weihnachtsfreude vermiesen, aber das erste Bild, das sich mir aufdrängte, als ich an der Haltestelle Römer/Paulsplatz aus der Bahn ausstieg, war das eines zugeklebten Briefkastens, der für die Dauer des Weihnachtsmarkts außer Betrieb genommen war. Natürlich musste ich das Bild auch machen, und natürlich muss ich es hier in Schwarzweiß präsentieren: Zu stark ist der Kontrast zum bunten Treiben, das auch in Frankfurt zeitweise unterbrochen werden musste, als am Wochenende herrenlose Gepäckstücke gefunden worden waren – diese Info präsentierte Google ungefragt, als ich einen ganz anderen Link recherchierte, und auch wenn es letztlich „viel Lärm um nichts“ war, was sich da am Freitagabend abgespielt hat, zeigt es doch deutlich, dass sich im Vergleich zum letzten Weihnachten etwas verändert hat.

Was ist da passiert? Man liest in den letzten Tagen wieder viel von Anis Amri, dem Mann, der Deutschland letztes Jahr das Weihnachtsfest verderben wollte. Ob es ihm gelungen ist? Zumindest hat er eine Diskussion über die Sicherheit auf Weihnachtsmärkten ausgelöst. Und die Diskussion über alles, was bei der Überwachung des Täters, bei der Ermittlung der Tat und bei der Aufarbeitung der Folgen schief gelaufen ist, hält auch jetzt, ein Jahr danach, noch an. Wer gerne Zeitung liest, dem ist es nicht entgangen.

Es hat sich was verändert – das ist nicht zu übersehen.

Nun fielen mir persönlich beim Bummel über den Weihnachtsmarkt am ersten Adventswochenende die Betonklötze am Mainkai auf, die Nachahmungstäter daran hindern sollten, die Tat des Amri in Frankfurt zu wiederholen. Auf einen der Klötze hatte jemand mit blauer Farbe die Worte „DANKE MERKEL“ gesprüht. Leider hatte ich in dem Moment die Kamera nicht dabei, oder der Akku war gerade leer, sonst hätte ich auch von diesem groben Klotz ein Bild gemacht. Beim nächsten Besuch, am zweiten Adventswochenende, war er bereits frisch gestrichen, für politische Propaganda sollte kein Platz sein auf dem Weihnachtsmarkt.

Und auf einem Fotoblog? Da sollte es im Idealfall auch in erster Linie um Fotos gehen. Aber geben wir’s ruhig zu – ein reines Fotoblog betreibe ich schon lange nicht mehr, auch wenn es mir bisher noch wichtig ist, mein jeweiliges Thema zumindest passend zu illustrieren.

Auch dieses Bild entstand auf dem Weihnachtsmarkt.

Manchmal ergibt sich das Thema ja auch erst aus der Kombination von Bildern, die ich zeigen will, und Links zu Artikeln, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Klar schwirrt da manchmal der Kopf, wenn zum Beispiel Sigmar Gabriel „Offenheit für Leitkultur“ fordert und Ferda Ataman auf Spiegel online antwortet: Wir sind doch längst für diese Leitkultur geöffnet, ist das denn wirklich so schwer zu erkennen?

Sicher ist die von Gabriel geforderte Debatte wichtig, aber Tatsache ist doch: Wir teilen uns diese Heimat nun einmal mit Menschen, die nicht in jedem Fall in ihr geboren sind, die aber trotzdem irgendwie dazugehören. Die sicher nicht nur dazugehören wollen, sondern auch dazugehören können. Wenn wir sie denn lassen. Verdammt, auch für mich war’s nicht ganz einfach, mich in Frankfurt gut zu integrieren, aber irgendwie hat’s ja wohl doch mehr oder weniger geklappt. Ich bin doch auch einer von denen, die sich hier eine neue Heimat neu erschaffen mussten.

Last Christmas war ein gutes Christmas. Ich sag das jetzt mal einfach so.

Trotzdem fahre ich auch dieses Jahr zu Weihnachten wieder in die andere, die alte Heimat, um mit Mutter und Geschwistern das Fest der Liebe zu begehen. Um Freunde wiederzusehen. Und um auch auf dem Bonner Weihnachtsmarkt noch etwas zu flanieren. Vielleicht ergibt sich ja auch dort noch die Gelegenheit, ein paar Fotos aufzunehmen? Ganz unwahrscheinlich ist es nicht. Auch letztes Jahr, zum letzten Weihnachtsfest, ist mir das gelungen.

Nicht nur deshalb lässt sich sagen: Für mich persönlich war die letzte Weihnacht gut. Zumindest den Umständen entsprechend. Dass die Umstände waren, wie sie waren: Das lässt sich im Nachhinein wohl nicht mehr ändern. Dieses Weihnachten wird, das habe ich für mich beschlossen, ebenfalls ein gutes Weihnachten. Ein Fest des Friedens und der Harmonie. Zumindest im Kreis der Familie, dann aber hoffentlich auch im ganzen Land und auf der ganzen Welt. Oder zumindest im jeweiligen Kreis der jeweiligen Familie, jeweils für die meisten Leser dieses kleinen Blogs.

Merry Christmas. „War is over if you want it,” das hat John Lennon mir vor langer Zeit versprochen. Falls wir uns vorher nicht mehr lesen sollten: Ich wünsche dir und deinen Lieben – sowie allen anderen, die sich zufällig auf dieses Blog verirren – ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

2 Gedanken zu „Last Christmas“

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