Über die Heimat

Über die Heimat wollte ich ja schon lange schreiben. Jakob Augstein war derjenige, der vor ein paar Monaten in seiner Kolumne den Begriff in mein Bewusstsein rückte, und seitdem habe ich mich immer wieder mal gefragt: Was ist das eigentlich, diese Heimat, von der alle reden? Verschiedene Bilder schwirrten mir im Kopf herum, verschiedene Gedanken dazu, was denn diese Heimat letztlich ist. Verschiedene Ansätze, mit denen ich mir selbst das Konzept der Heimat neu erklären könnte.

Zum Einstieg vielleicht ein persönliches Bekenntnis: Als gebürtiger Rheinländer lebe ich nun schon seit mehr als zwölf Jahren in Frankfurt, und wenn man mich fragt, was für ein Landsmann ich denn sei, bezeichne ich mich manchmal auch als Hesse mit Migrationshintergrund. Gleichzeitig fühle ich mich aufgrund eines längeren Studienaufenthalts in Tokyo und zahlreicher Besuche, die diesem ersten Aufenthalt folgten, auch in Japan verwurzelt, oder zumindest doch dem Land recht eng verbunden. So hätte ich also schon drei Heimaten. Und merke, während ich diese Worte schreibe, wie ungewohnt es doch ist, den Plural von Heimat zu verwenden: „Der Mensch muss eine Heimat haben“, das gilt vielen als Gemeinplatz. Dass der Mensch sich aber oft an mehreren Orten heimisch fühlen kann, wird viel zu selten ins Bewusstsein der Debattierenden gerückt, wenn über den Begriff der Heimat debattiert wird.

Auch das ist Heimat. Zumindest für einige von uns.

Der Witz an der Heimat ist doch: Bevor sie zur Heimat wird, muss der Mensch sie sich erschließen, sie mental als Heimat urbar machen. Der Mensch, wenn er auf die Welt kommt, ist ein Fremder. Selbst die Eltern muss er erst kennenlernen, bevor er sie als Eltern anerkennen kann, als Fleisch, aus dem das eigene Fleisch geboren wurde. Die Heimat lernt der Mensch als Erstes aus der Kinderwagenperspektive kennen, in der er auf dem Rücken liegend oft nur den Himmel über der Heimat sieht, und gelegentlich die Gesichter von Onkels und Tanten, die in den Wagen hineinschauen und sagen: „Oh, was für ein süßes Kind! Und diese Augen… Ganz die Mama!“

Erst wenn wir laufen lernen, lernen wir die Heimat mit eigenen Augen zu sehen. Und erst wenn wir sprechen lernen, lernen wir, die Heimat zu definieren. Und haben wir die Heimat definiert, beginnt als nächstes der Verhandlungsprozess darüber, was denn wohl zur Heimat gehören mag… und was eben nicht. Was ja so gesehen nur ganz selbstverständlich ist: Wenn viele sich eine Heimat teilen und jeder seinen eigenen Heimatbegriff definiert, dann müssen die vielen sich irgendwann zusammensetzen um herauszufinden, wo Gemeinsamkeiten und Unterschiede der individuellen Heimatbegriffe liegen. Und so lässt sich wohl sagen: Heimat ist das, was der Stamm am Lagerfeuer debattiert und gemeinsam als Heimat definiert.

Die Theke dient manchem als Ersatz fürs Lagerfeuer… Hier holt man sich soziale Wärme ab.

Das Problem der Heimat in der globalisierten Postmoderne ist jedoch: Viele verschiedene Stämme teilen sich einen gemeinsamen Heimatraum, und daraus ergeben sich verschiedene, parallel existierende Definitionen der Heimat. Erst vor kurzem berichtete die Frankfurter Rundschau über den Anteil von Bürgern mit Migrationshintergrund in meiner hessischen Heimatstadt, und als ich den Artikel las, da dachte ich bei mir: Ich bin wohl bei Weitem nicht der einzige, der neben dieser Stadt noch einen anderen Ort seine Heimat nennt. Zu einer ähnlichen Vermutung verleitet ein Blick in die Facebook-Timeline: So viele Menschen in meinem Umfeld sind so global unterwegs, dass es überholt scheint, von dem Ein-Mensch-eine-Heimat-Konzept auszugehen. So gesehen waren schon meine Eltern, wenn man dieser Argumentation folgen mag, „Rheinländer mit Migrationshintergrund“. Und darin unterschieden sie sich nicht von den Eltern vieler meiner Spielkameraden damals.

Das Problem des geteilten Heimatraums in der globalisierten Postmoderne ist jedoch: Wie machen wir aus diesem wieder eine gemeinsame Heimat? Da hilft es wohl nur, wenn die Stämme wieder näher aneinander rücken, die sich den Heimatraum teilen, und wenn sich Individuen wieder auf die gemeinsamen Eigenschaften besinnen, anstatt ihre Individualität als Mitglieder eines Stammes zu betonen. Was sich im Zweifel als hilfreich erweist: Runde Tische, an denen die Mitglieder verschiedener Stämme wieder darüber diskutieren, was Heimat für sie bedeutet. Und eigentlich, so denke ich mir, sollten wir doch mehr als genug Möglichkeiten haben, in unserem gemeinsamen Heimatraum noch mehr solcher runder Tische zu organisieren, an denen sich die Mitglieder verschiedener Stämme auch mal explizit über Gemeinsamkeiten der Heimatraumbewohner austauschen können.

Relative Homogenität der Heimatraumbewohner, irgendwo in Tokyo. Im „Melting Pot Europa“ ist diese Homogenität so nicht mehr gegeben.

Dass an solchen „runden Tischen“ durchaus kontrovers diskutiert werden kann, bewies unter anderem Margarete Stokowski, die – auch wieder auf der Seite von Spiegel Online, die in diesem Fall als „virtueller runder Tisch“ fungierte  – eine Replik auf Augstein formulierte, in der sie versuchte, ihre Sicht auf die gemeinsame Heimat zu verdeutlichen. Wobei in ihrer Kolumne nicht nur das Staatsgebiet der Bundesrepublik, sondern auch das politisch linke Lager zur Heimat wurde: Ein virtueller, ein gedanklicher Heimatraum, sicherlich, wohl aber auch ein Heimatraum, den sich viele Menschen, viele Gruppen mit durchaus verschiedenen Ansichten teilen. Stokowskis Denkansatz darf man übrigens durchaus für legitim halten: Der Begriff der „politischen Heimat“ ist schon lang genug im Gebrauch, um auch ihn zur Neudefinition des Heimatbegriffs hinzuzuziehen.

Die Fragen, die ich mir heute stelle, lauten dann wohl: Wie viele Heimaten braucht der Mensch? Wie viele Heimaten kann der Mensch maximal haben? Und können die verschiedenen Heimaten sich im Geist des Menschen zu einer individuellen „Gesamtheimat“ verbinden? Wenn es so wäre: Könnte ich dann Teile meiner „Gesamtheimat“ mit anderen Menschen teilen, die in sich selbst noch ganz andere „Teilheimaten“ tragen, die ich dann aber nicht teilen muss, nicht teilen kann, weil ich zu diesen „Teilheimaten“ selbst eben keinen Bezug habe? Und wenn auch das so wäre: Könnte es dann sein, dass die eine, unteilbare Heimat, die wir hier diskutieren wollen, eigentlich nur eine Fiktion ist, ein soziales Konstrukt, das dabei helfen soll, der Gemeinschaft ein Gefühl von Gemeinsamkeit zu vermitteln?

Fragen über Fragen – auch mir selbst schwirrt der Kopf angesichts des letzten Absatzes. Ich lasse ihn trotzdem mal im Raum stehen. Zunächst als Dokumentation meiner Gedanken zum Thema Heimat bis zum aktuellen Augenblick, aber auch als Anregung zum Weiterdenken, weil nur der geteilte Gedanke diskutiert werden kann. Und weil nur Fragen, die gestellt werden, eines Tages vielleicht auch beantwortet werden können. Ob Heimat teilbar ist, ob Heimaten auch addiert werden können? Ich glaube, dass es tatsächlich so sein könnte. Aber vielleicht muss das jeder für sich selbst beantworten. Vielleicht gibt es auch ganz andere Antworten auf diese Frage. Und es wäre sicher spannend, wenn wir als Gesellschaft mal wieder gemeinsam darüber diskutieren würden.

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