Der Puls Europas

Am 25. März feierte die Europäische Union den 60. Jahrestag der Unterzeichnung der römischen Verträge. Am 29. März reichte Großbritannien seinen Austrittsantrag ein. Höchste Zeit zu sagen, warum ich jeden Sonntag für Europa auf die Straße gehe: Weil mir Europa wichtig ist. Weil ich glaube, dass man Europa noch viel besser machen kann als bisher. Und weil ich hoffe, dass dieses Projekt auch für die nächsten Generationen erhalten werden kann.

 

Heute wird’s zum Einstieg wieder mal persönlich; als sich eine knappe Mehrheit der Briten im letzten Jahr dafür aussprach, die EU zu verlassen, war das für mich ein großer Schock. Nie hätte ich gedacht, dass die Bevölkerung eines Landes sich in einem Referendum freiwillig dazu entscheiden würde, einen Weg aus dieser Staatengemeinschaft heraus zu suchen. Immerhin sorgt sie schon seit ich denken kann dafür, dass Völker, die sich bis Mitte des letzten Jahrhunderts immer wieder gegenseitig massakrierten, mittlerweile zu Freunden und Partnern geworden sind. Wie hatten sich die Briten nur gegen die Mitgliedschaft in diesem Verein entscheiden können?

Natürlich, es hat viele Fehlentwicklungen gegeben in den letzten Jahren: Schon bei der Währungsunion ist nicht alles so gelaufen wie geplant, dann wurde die Osterweiterung von vielen Bürger in den Weststaaten sicher kritisch gesehen. Ganz besonders bei der Bankenrettung und dem Umgang mit den Schuldenkrisen diverser Mitgliedsländer aber hatten viele sicherlich gedacht: Das kann doch nicht der Ernst unserer Regierungen sein, was da beschlossen wird. Trotzdem, den Club einfach zu verlassen, das konnte doch auch für die Briten keine Lösung sein!

In meiner Verzweiflung tat ich das, was ich in solchen Fällen gerne tue: Ich schrieb nachdenkliche Texte, schoss Fotos  und versuchte, mein direktes Umfeld für das Thema zu sensibilisieren… mit viel Engagement, sicherlich, aber leider nur mit mäßigem Erfolg. Am Ende stand die Einsicht, dass ich mich mit der Rettung der EU im Alleingang dramatisch übernommen hatte, eine längere Auszeit… und schließlich der emotionale Abschluss mit einem Projekt, das eher gut gemeint als gut gemacht war.

 

Ende Januar las ich dann einen Artikel in der Frankfurter Rundschau. Und auf einmal fasste ich wieder Hoffnung: Offensichtlich war ich nicht der Einzige, der sich Gedanken über die Zukunft der Union machte. Für mich war es selbstverständlich, dass ich am nächsten Sonntag mit dabei war, als sich auf dem Goetheplatz in Frankfurt Menschen versammelten, um ihre grundsätzliche Zustimmung zur EU zu demonstrieren. Und es fühlte sich gut an. Ich war immer noch für die EU, aber ich war nicht mehr allein. Jetzt habe das Gefühl, dass ich mich mal bedanken muss – bei all den Menschen, die mir dieses Gefühl durch ihre Anwesenheit vermittelten.

Bisher hatte ich nämlich noch keine Gelegenheit, mich bei den Veranstaltern oder den Teilnehmern persönlich zu bedanken. Und mittlerweile würde es wohl auch ein wenig schwierig: In vielen Städten Deutschlands und Europas demonstrieren mittlerweile zu viele Menschen, um ihnen allen persönlich zu sagen, was ihre Anwesenheit bei den Demos für mich bedeutet. Trotzdem wollte ich hier mal einfach sagen: Ich fühle mich als Teil einer Gemeinschaft, und ich empfinde eine gewisse Dankbarkeit gegenüber all denen, die mit mir gemeinsam ihre Sympathie für die Union bekennen.

Wenn aber nun viele über den Pulse of Europe berichten, gibt es selbstverständlich auch kritische Stimmen. Und vielleicht ist es ja auch wirklich ein Problem, dass wir noch nicht die ultimativen Antworten auf alle Fragen liefern können, die sich der EU im Moment so stellen. Vielleicht ist es aber auch verständlich? Die EU ist ein ziemlich dickes Schiff. Und im letzten Jahr kam das Wort „Exit“ in ziemlich vielen verschiedenen Buchstabenkombinationen vor, die das Gespenst einer Sprengung dieses Schiffs an die Wand malen sollten. Jetzt geht es vielleicht erst einmal darum, die Sprengung zu verhindern, zu verdeutlichen, dass zumindest Teile der Bevölkerung die EU durchaus zu schätzen wissen. Vielleicht nicht in ihrer bisherigen Form, aber Europa ist ja irgendwie auch ein lebender Organismus – dass sich da etwas verändern kann, wohl auch verändern muss, liegt sicher in der Natur der Sache.

 

Am letzten Wochenende jährte sich die Unterzeichnung der römischen Verträge zum 60. Mal. Und in den letzten 60 Jahren hat sich wirklich viel verändert in Europa. Und zwar nicht immer und nicht unbedingt zum Schlechteren. Eigentlich, wenn man’s nüchtern betrachtet, sogar das meiste zum Besseren: Die Älteren erinnern sich vielleicht daran, dass Frankreich mal als der „Erbfeind“ der Deutschen bezeichnet wurde. 60 Jahre nach der Gründung der EWG kann man Franzosen, Niederländer, Belgier, Luxemburger und Italiener mit Fug und Recht als „Erbfreunde“ der Deutschen bezeichnen. Und allein das ist schon ein Zeichen, das Hoffnung machen sollte für die nächsten 60 Jahre.

Klar, dass es in der Europäischen Union und ihren Vorläuferorganisationen scheinbar immer erst einmal um Bimbes ging, gibt dem Ganzen eventuell einen schalen Beigeschmack. Aber die wirtschaftliche Verbandelung war ja schon in der Montanunion nur ein Mittel zu dem Zweck, Nationen aneinander zu binden, die sich sonst mittelfristig sicher wieder in den Schützengräben und auf dem Feld begegnet wären. Daran erinnert man sich heute leider viel zu wenig – noch für die Generation unserer Väter und Großväter war der Krieg allerdings eine sehr reale Erinnerung. Die zum Teil auch Biografien und Familiengeschichten nachhaltig geprägt hat.

 

Wohin es mit Europa jetzt gehen soll? Darüber debattieren im Moment viele Menschen. Nicht nur in Brüssel, Berlin, Paris und anderen Hauptstädten der Mitgliedsstaaten, sondern auch in Frankfurt, Freiburg, Dortmund, Köln und überall – nicht nur sonntags auf den Plätzen, wo sich (zum Beispiel auch in Tübingen) laute Europäer versammeln, sondern auch unter der Woche, am Arbeitsplatz und in der Freizeit. Oder kommt mir das nur so vor, weil ich mich selbst immer wieder gern an der Diskussion beteilige (oder sogar aktiv zum Gespräch über Europa anrege)?

Irgendwie ist es wohl nur selbstverständlich, dass diese Diskussion jetzt geführt wird: Der Brexit war ein Schock. Und zwar, wie’s scheint, nicht nur für die Briten selbst, sondern auch für viele Menschen in den Mitgliedsstaaten der Union. Und viele fragen sich, wohin es mit Europa gehen soll. Das aber können wir nur gemeinsam bestimmen. Und das sollten wir nicht nur unseren Vertretern in den Parlamenten überlassen, sondern uns viel mehr aktiv am demokratischen Entscheidungsprozess beteiligen.

Dass das manchmal auch mit Arbeit verbunden ist: Geschenkt! Demokratie erfordert nun einmal die Mitarbeit der Bürger, und wenn sich wieder mehr Menschen als Bürger begreifen, anstatt nur „Regierungsdienstleistungsempfänger“ zu sein, dann ist das eine gute Sache. Es gibt viele Wege, sich gesellschaftlich zu engagieren. Die Teilnahme an Pulse-of-Europe-Demos ist für mich ein Weg zu zeigen, dass ich am Erhalt der Union interessiert bin. Dass Wege in die Zukunft der Union jetzt verhandelt werden müssen, ist mir durchaus klar. Dass vermutlich keiner der Diskutanten die Patentlösung für alle europäischen Probleme in allen Mitgliedsstaaten der Union hat, erscheint selbstverständlich. Aber ich glaube, dass wir alle als Europäer gemeinsam Antworten erarbeiten können.

 

Dafür, dass er diesen Glauben in mir jeden Sonntag wach hält, bin ich dem Pulse of Europe ehrlich dankbar.

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