Der Kamera-Kult von Kyoto

Wie die Stadt auf meinen Reiseplan geraten war? Im Grunde war es eine reine Bauchentscheidung. Im letzten Jahr gab es zwischen dem Besuch in Tokyo und einer Verabredung in Nagoya ein paar Tage zu überbrücken, und ich hatte die Auswahl zwischen einem Besuch der Stadt Hikone am Biwa-See und der alten Kaiserstadt gehabt, die ich bis jetzt noch nicht so intensiv besucht hatte. Was eigentlich ziemlich ungewöhnlich ist: So oft ich auch schon in Japan war, nach Kyoto hatte es mich bisher nur auf eine Tagestour verschlagen, und die war auch schon mehr als 20 Jahre her.

Schon in Tokyo hatte mein guter Freund Rei Ueno sich angeboten, mich mit Infos zu versorgen: Ich hatte ihm gesagt, dass ich ohne großen Plan nach Kyoto fahre. Und so erreichten mich schon am Tag meiner Ankunft einige Instant Messages, in denen mir mein Freund Tipps zu Besichtigung und Gastronomie in Kyoto lieferte. Einer der Hinweise weckte spontan mein Interesse: Im Stadtteil Shijo gebe es einen Kamera Izakaya, schrieb Ueno-san, eine Kneipe, in der sich Freunde der Fotografie regelmäßig träfen. Eine Kneipe, deren Wirt als international anerkannter Fotograf eine Begegnungsstätte für die lokale Fotoszene eingerichtet und sich so ein zweites Standbein aufgebaut hatte. Es war wohl klar, dass ich diesen Laden selbst auch in Augenschein nehmen musste.

Für den Aufenthalt hatte ich mir eine japanische SIM-Karte mit Daten-Flatrate besorgt. Hier erwies sie sich als eine sinnvolle Investition: Ohne Google Maps auf meinem Telefon wäre es mir sicher schwer gefallen, das Lokal in der Kiyamachi Street zu finden. Hilfreich war auch Ueno-sans Hinweis, dass der Laden sich im dritten Stock befand. So richtete ich den Blick nach oben und sah auch recht bald die Neonreklame, die auf das Lokal hinwies. Ein etwas in die Jahre gekommener Fahrstuhl brachte mich nach oben, und ich betrat einen offenen Schankraum, in dem sich bei meinem Eintreffen gerade mal zwei Personen befanden.

Die erste Frage, die es am frühen Abend zu klären gab, war: „Haben Sie schon geöffnet?“. Was der ältere Herr hinter der Theke, der sich als Inhaber der Bar herausstellte, bejahte. Also nahm ich Platz, legte meine Kamera ab und nutzte die Gelegenheit, mich erst einmal vorzustellen. Woher ich kam, wieso ich hier war und wie ich das Lokal überhaupt gefunden hatte, war aber auch eine interessante Geschichte. Und erst dadurch, dass ich sie erzählte, konnte ich in den Kreis der gern gesehenen Gäste aufgenommen werden.

Glücklicherweise erweiterte sich dieser Kreis im Laufe des Abends noch um weitere Menschen, und auch ihnen erzählte ich, warum ich das Konzept der Kamera-Kneipe so spannend fand. Ein paar von ihnen ließen sich sogar fotografieren. Das freute mich sehr, da eines der fotografischen Projekte, die ich mir für meine Reise vorgenommen hatte, Spontan-Porträts von Fremden waren. Wobei ich zugeben muss: Hier war ich der Fremde, und so wurde ich, der Beobachter mit der Kamera, selbst zum Beobachteten. Man sieht es den Bildern, die ich an diesem Abend aufnahm, deutlich an…

Krass! Ein Weißer! Hier, bei uns! Und eine Kamera hat er auch dabei!

Vielleicht lag es ja daran, dass ich am Vorabend so viel Interesse auf mich gezogen hatte? Tatsache ist, dass ich auch am zweiten Abend in Kyoto beschloss, die Kamera-Kneipe aufzusuchen. Vielleicht lag es auch am schlechten Gewissen? Ich hatte wohl ein wenig dick aufgetragen mit meinen Geschichten, das sagten mir die Blicke auf den Gesichtern, die ich aufgenommen hatte. Also blieb mir gar nichts anderes übrig, als den Ort meiner Übertreibungen wieder aufzusuchen. Weil ich gern als guter Gast in Erinnerung bleiben wollte. Weil ich einen ordentlichen Eindruck bei Wirt und Publikum hinterlassen wollte. Nur für den Fall, dass es mich in Zukunft noch einmal nach Kyoto und in diese Bar verschlagen sollte.

So machte ich mich dann am Abend des zweiten Tages wieder auf den Weg zu dem Lokal, wieder mit der Kamera. Diesmal war ich glücklicherweise nicht der erste Gast: Zwei Männer saßen an der Theke, ein Japaner und ein Australier. Letzterer verbrachte – genau wie ich – seinen Urlaub in Japan und verbrachte – genau wie ich – viel Zeit damit, Fotos von Alltagsszenen in Japan, Fotos von Japanern aufzunehmen. Sein Begleiter gehörte zur lokalen Kameraszene und hatte ihn hierher gebracht, um dem Gast einen authentischen Eindruck von Fotografierenden in Japan zu vermitteln.

Reisebekanntschaften: Ein Australier, geknipst von einem Deutschen, irgendwo in Kyoto

Vielleicht lag es daran, dass ich am zweiten Abend nicht mehr als ganz so fremd in der Bar wahrgenommen wurde, vielleicht lag es auch daran, dass mir der Ort nicht mehr ganz so exotisch vorkam wie am Tag zuvor, aber dieser Abend verlief wesentlich entspannter… Es ergaben sich interessante Gespräche mit interessanten Menschen, in der fremden Stadt fühlte ich mich nicht mehr wie ein Fremder, und so sank ich am Ende eines langen Tags in Kyoto befriedigt in das Bett meines für zwei Nächte angemieteten Appartements.

Für den nächsten Tag war die Weiterfahrt zur nächsten Etappe meiner Japanreise eingeplant, deshalb konnte ich der Kamera-Kultstätte bisher keinen dritten Besuch abstatten. Aber nach meiner Heimkehr schrieb ich dem Inhaber eine Mail, in der ich mich für die Gastfreundschaft bedankte. Im Anhang dieser Mail schickte ich auch Kopien der Bilder, die an den beiden Abenden entstanden waren und von denen einige in diesem Blogeintrag enthalten sind.

Regelmäßig zeigt der Hachimonjiya Fotos von Gästen auf seiner Facebook-Seite. Manchmal werden sie auch in meiner Timeline angezeigt. Und immer, wenn ich sie sehe, denke ich bei mir, wie schön es wäre, das Lokal noch einmal zu besuchen… Irgendwann, da bin ich sicher, werde ich wieder in Kyoto sein. Und ich freue mich jetzt schon auf die Menschen, die mir dann im Kamera Izakaya begegnen werden.

Der schönste Platz: Da, wo man interessante Menschen trifft

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