Der geschenkte Gaul

Dass ich gerne Bücher lese, hatte ich ja bereits erwähnt. Heute verrate ich ein weiteres intimes Detail aus meinem Leben: Ich kaufe auch gerne Bücher. Und zwar – darauf lege ich Wert – am liebsten in analogen Sphären, im Buchladen des Vertrauens. Der ist in der realen Welt angesiedelt, man kommt dort mit echten Menschen in Kontakt, und dort ein Buch erst zu bestellen, um es am nächsten Tag abzuholen, steigert die Vorfreude auf den Akt des Lesens. In Zeiten des Online-Versandhandels mag das Manchem umständlich erscheinen, aber mir ist es nun einmal lieber so.

Nun war ich vor kurzem erst wieder in der Buchhandlung des Vertrauens. Diesmal nicht, um ein Buch zu bestellen oder abzuholen, sondern um mich für die gute Unterhaltung mit dem letzten dort gekauften Buch zu bedanken. Und um mal zu schauen, was denn spontan in der Auslage zu entdecken wäre. Mit der Buchhändlerin wechselte ich ein paar Worte, und zum Abschied meinte sie zu mir: „Wenn Sie heute nichts kaufen wollen, vielleicht dürfen wir Ihnen ein Buch schenken?“

Ich stutzte. So etwas war mir im Online-Versandhandel noch nicht passiert. Die Buchhändlerin sah mir wohl meine Überraschung an und erläuterte, es handele sich um eine Aktion zum Welttag des Buches. Man habe einen Gabentisch vorbereitet, um Menschen zum Lesen zu animieren. Tatsächlich bemerkte ich jetzt auch diesen Gabentisch, auf dem die liebevoll verpackten Bücher darauf warteten, von neugierigen Menschen adoptiert zu werden. Um den Empfängern Lust auf das jeweilige Buch zu machen, war auf jeder der Verpackungen in zwei Sätzen kurz beschrieben, welche Art von Inhalt sich in dem Paket verbarg. Ich sah mir einige der Geschenkpakete an und entschied mich dann mehr oder weniger blind für eines, dessen Beschriftung mir besonders interessant erschien.

Der mir geschenkte Gaul in liebevoll beschrifteter Verpackung

Nun heißt es zwar, dass man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen soll. Trotzdem musste ich das Paket natürlich öffnen und zumindest den Titel ansehen: Und damit fing es an? Weder der Titel des Buchs noch der Name der Autorin sagte mir etwas, und so blieb mir wohl nicht viel übrig, als das Buch behutsam aufzuschlagen und zumindest die ersten Seiten zu lesen. Sie waren angenehm geschrieben, das Erzähltempo war gemächlich, und was viel wichtiger war: Die Geschichte führte mich in eine vergangene Zeit, an einen mir unbekannten Ort, und stellte mir Personen vor, die zwar alle ihr Kreuz zu tragen hatten, dies aber im Großen und Ganzen mit Würde taten und dabei nicht nur authentisch wirkten, sondern irgendwie auch stets sympathisch. In der Tat ist es Rose Tremain gelungen, die Figuren ihres Romans im besten Licht erscheinen zu lassen. Und das wirft irgendwie ja auch auf die Autorin selbst ein gutes Licht.

Nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, suchte ich den Buchladen des Vertrauens natürlich noch einmal auf. Zunächst, um mich noch einmal für das Geschenk zu bedanken. Dann aber auch, um diesmal wieder einen Titel zu bestellen, der schon lange auf meiner Leseliste war. Ein Taxifahrer hatte ihn mir schon vor geraumer Zeit empfohlen, als wir uns auf einer nächtlichen Fahrt durch Bonn über Gott und die Welt unterhalten hatten, und jetzt wollte ich erfahren, was er mir damals hatte sagen wollen.

Aber das war ein ganz anderes Erlebnis, von dem ich vielleicht irgendwann einmal erzählen kann. Für heute lässt sich die Moral von der Geschichte des geschenkten Gauls so zusammenfassen: Es macht Spaß, in kleinen Geschäften einzukaufen, man begegnet hier oft netten Menschen. Außerdem sorgt es für gutes Karma, und manchmal kriegt man sogar etwas geschenkt und entdeckt neue Dinge. Support your local bookstore ist der Rat, den ich allen geben möchte, die von Zeit zu Zeit noch Bücher lesen. Sich die Lektüre hier zu beschaffen, ist viel menschlicher als ein Klick- und Kaufvorgang im stillen Kämmerlein, und selbst wenn der Laden etwas weiter weg liegt als die nächste Packstation: Gäbe es ihn gar nicht mehr, würden wir ihn sicher irgendwann vermissen.

Der geschenkte Gaul, kurz nach dem Auspacken, noch vor Beginn des Lesevorgangs

2 Gedanken zu „Der geschenkte Gaul“

  1. Da hast du absolut recht. Kein Onlinehändler kann die Atmosphäre eines echten Buchladens bieten.
    Alleine der Geruch, die gepflegte Einrichtung und die liebevolle Darstellung der Leseschätze sorgen für ein besonderes Ambiente.
    Wir haben hier einen versteckten Laden, der trotzdem gut bekannt ist und eine wunderbare Auswahl bietet. Für den Bummel nach Geburtstags- und Weihnachtsgeschenken ist er immer meine erste Wahl.

    Ganz liebe Grüße!

    1. Ganz liebe Grüße zurück,
      und natürlich danke für den zustimmenden Kommentar! Irgendwann wollten wir ja auch noch mal zusammen eine Knipstour machen, wenn ich mich korrekt erinnere? Kriegen wir bestimmt noch hin, denke ich. 😉

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