Flora

Vor ein paar Tagen erinnerte mich ein soziales Netzwerk, in dem ich als Nutzer registriert bin, an ein Ereignis, das gut zwei Jahre zurücklag: Ich hatte damals ein Foto hochgeladen, wie ich es öfter tue. Natürlich lud mich das Netzwerk auch dazu ein, das Foto (und die Erinnerung ans erste Hochladen) erneut mit Freunden zu teilen – was ich in diesem Moment allerdings nicht tat: Ich war ganz einfach nicht in der passenden Stimmung.

Eigentlich ist das natürlich schade – es handelte sich um ein schönes Foto von Blüten an einem Magnolienbaum, das ich bei einem sehr angenehmen Spaziergang im Palmengarten aufgenommen hatte, in Begleitung einer wunderbaren Person, die damals in meinem Leben eine große Rolle spielte. Einer Person, die mir auch heute noch sehr wichtig ist. Insofern wäre es vielleicht angemessen gewesen, dieses Bild noch einmal öffentlich zu präsentieren. Aber dann: Es existieren so viele Blümchenbilder von mir in dem oben erwähnten Netzwerk, dass bei Freunden und Kontakten leicht ein Übersättigungseffekt eintreten könnte, wenn ich jedes dieser Bilder jedes Mal teilen würde, wenn mich der Algorithmus dazu auffordert.

 

Es sei hier nur der Vollständigkeit halber kurz erwähnt: Meine Blümchenbilder halte ich zum großen Teil für durchaus gelungen. Im Januar 2014 habe ich angefangen, sie zu teilen, anfangs jeden Sonntag ein paar hochgeladen, dann pro Sonntag nur noch ein Bild, dann in unregelmäßigen Abständen immer wieder sonntags gezeigt, welche Blumen ich im Laufe meiner fotografischen Karriere wieder aufgenommen hatte. Immer wieder hatte ich kleine Textschnipsel dazu verfasst, in denen ich erzählte, wann und wo die Bilder entstanden waren. Und immer wieder tat es gut, weil ich dachte, dass ich in diesem Album ja auch so etwas wie eine Fortsetzungsgeschichte erzählte.

Das Problem bei dieser Geschichte lag allerdings wohl darin, dass sie nie klar als Erzählung definiert war. Es wurde auch dadurch nicht einfacher, dass Anfang, Ende, handelnde Personen und Handlung nie wirklich erkennbar waren. Dass sie dementsprechend von vielen Lesern wohl gar nicht so richtig als Geschichte wahrgenommen wurde. Und als mir das klar wurde, war es irgendwie auch selbstverständlich, dass diese Geschichte irgendwie, irgendwo und irgendwann enden musste. Die Frage, die sich mir dann stellte, war allerdings ziemlich knifflig: Wie beendet man eine Geschichte, die nie einen offiziellen Anfang hatte? Wie führt man Handlungsstränge zusammen, die nie als solche wahrgenommen wurden?

Irgendwann war mir klar: Ein Blogeintrag musste her – so viele Worte, wie erforderlich waren, würden in einem Facebook-Post ohnehin keinen Platz finden. Eine Frage war dabei dringlicher als alle anderen. Welche Worte sollte ich wählen? Hierauf zu antworten, erschien mir lang schwierig. Die Geschichte, die ich nie erzählt hatte, war ja auch eine sehr persönliche. Und so ein Text in einem Blog ist ja irgendwie doch ein sehr öffentliches Statement.

Wie sag ich’s also möglichst verklausuliert? Das ganze Flora-Album war eigentlich ein persönliches Statement, von einem Menschen an einen anderen Menschen. Eine Eins-zu-Eins-Kommunikation, die im Angesicht vieler anderer Menschen durchgeführt wurde. War das wirklich so schwer zu erkennen? Nein, ich denke, das war es nicht. Und ich denke, die Message ist auch angekommen. Damit hat das Album vermutlich seinen Zweck erfüllt.

 

Seit Anfang dieses Jahres erzähle ich nun eine andere Geschichte – dass sie nicht mehr auf sozialen Netzen stattfindet, macht sie vielleicht etwas weniger aufdringlich. Dafür ist sie vielleicht, da sie explizit ausformuliert ist, etwas eindringlicher? Ich bin mir nicht ganz sicher. Worte sind Schall und Rauch, und ein Blogartikel, den ich zunächst nur für mich selbst schreibe, ist ja auch so etwas wie eine Eins-zu-Null-Kommunikation: Ein Sender ist vorhanden, aber der Empfänger hat den Raum verlassen? Ja, so könnte man es wohl nennen.

Aber das ist ja genau das, was die beste Frau von allen mir in einer stillen Stunde angeraten hat: Wenn ich schon ein Blog schreiben wolle, sollte ich das doch bitte nur für mich, durch mich, aus eigener Kraft und für das eigene Vergnügen tun: Write as if nobody’s reading – das klingt ja irgendwie auch ganz schön.

Natürlich stelle ich diesen Text, dekoriert mit einem Blümchenbild, trotzdem ins Netz. Oder gerade deshalb. Das hier gezeigte Bild hat mich an etwas erinnert. An was genau, das dürfte die meisten potentiellen Leser dieser Zeilen ohnehin nicht interessieren. Und vermutlich würde dieser Text viel zu weitschweifig, wenn ich versuchen wollte, es zu erklären. Sollte es aber doch jemand wissen wollen: Vielleicht gehe ich an dieser Stelle ja doch noch einmal darauf ein. Oder erläutere es bei nächster oder übernächster Gelegenheit im persönlichen Gespräch.

Ob am Ende dieses Textes wohl die berühmten drei Worte stehen sollten? Kurz denke ich darüber nach, verwerfe den Gedanken aber doch wieder… Wenn ich etwas zu sagen habe und es wirklich wichtig ist, dann sage ich es manchmal auch ganz gerne: Diskret, verklausuliert und (gerade am öffentlichen Ort) am liebsten durch die Blume.

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