Über Vater

Vor ein paar Tagen fiel mir auf: Würde mein Vater noch leben, hätten wir in dieser Woche seinen 80. Geburtstag feiern können. Ein harmloser Blick auf einen harmlosen Wandkalender in der Kaschemme des Vertrauens erinnerte mich an die Vergänglichkeit menschlichen Lebens, das Gewicht persönlicher Verluste und das erbarmungslose Verstreichen der Zeit: Kurz vor seinem 68. Geburtstag schied mein Vater plötzlich und unerwartet aus dem Leben. Und als ich mich daran erinnerte, wie ich von seinem Tod erfahren hatte, musste ich unwillkürlich schlucken… konnte die zwei oder drei Tränen, die mir im öffentlichen Raum in die Augen schossen, aber glücklicherweise relativ schnell unterdrücken.

Was verdankt die Welt meinem Vater? Neben meiner Existenz und der meiner Geschwister vermutlich irgendwo auch die Entstehung dieses Blogs: Die Fotografie zählte schon mein Vater zu seinen Hobbys, und in seiner Eigenschaft als Schriftführer des Amateurfilmkreises, in dem er Mitglied war, solange ich denken kann, schrieb er regelmäßig Beiträge für eine Mitgliederzeitung namens „Klappe“. Sowohl die Leidenschaft fürs Knipsen als auch die Liebe zum geschriebenen Wort habe ich also vermutlich von ihm geerbt. Oder, um es überspitzt auszudrücken: Mit der Kamera und am PC führe ich die Arbeit meines Vaters fort. Und wenn mir meine Mutter sagt, dass mein Vater mir vom Himmel aus zusieht und stolz auf seinen Sohn ist, dann macht sie mich damit jedes Mal wieder glücklich.

Es ist nämlich eine Tatsache: Mein Vater hatte nicht immer nur Grund, stolz auf seinen Sohn zu sein… und ich habe ihm sicher oft auch ziemlich viel Kummer bereitet. Was mir aber natürlich erst so richtig bewusst wurde, als ich nach dem traumatischsten Telefongespräch meines bisherigen Lebens die Arbeitsstelle verlassen und das Gepäck für einige Tage sowie einen dunklen Anzug eingepackt hatte. Im Auto auf dem Weg von Frankfurt nach Bonn ging mir durch den Kopf, wieviel Sorgen sich der alte Herr in den letzten Jahren seines Lebens um mich hatte machen müssen. Und natürlich (?) fühlte ich mich auch schuldig, weil die Sorge um seinen Zweitgeborenen das Leben meines Vaters vielleicht unnötig verkürzt hatte.

Gut zwölf Jahre sind vergangen seit dem Tod meines Vaters. Und zwölf Jahre sind eine lange Zeit. Insofern kam der emotionale Moment in der Kaschemme des Vertrauens tatsächlich sehr unerwartet, und vermutlich hätte ich den anderen Gestalten an der Theke nur schwer vermitteln können, was in diesem Moment in mir vorging. Vermutlich hätte ich es auch gar nicht wirklich gewollt. Was ich aber hier vermitteln will: Zwölf Jahre später bin ich fest davon überzeugt, dass der Tod nicht das Ende ist. In meinem Denken und Fühlen, manchmal sogar in meinen Taten, lebt mein Vater fort. Mein Vater lebt weiter in der Erinnerung meiner Geschwister und seiner Enkel, und wenn ich lange genug suchen würde, fände ich sicher noch weitere Orte, an denen er weiter existiert. Auch wer geht, geht niemals ganz. Irgendwo ist der Gedanke tröstlich. Die Vorstellung, dass mein Vater auch in mir weiterlebt, ist Motivation und Verpflichtung zugleich. Familiäre Bande sind letztlich stärker als der Tod.

4 Gedanken zu „Über Vater“

  1. Sehr bewegend, Thomas! Ich habe Deinen Vater nur ein paar Mal gesehen, aber er ist mir als warmherziger Mensch in Erinnerung. So ein schönes Foto von Euch beiden!

    1. Ich glaube, das Foto hat damals meine Frau gemacht… Das Foto meines Vaters mit seinem alten Herrn stammt übrigens von meinem Onkel – bleibt also alles in der Familie, wie man sieht.

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