Grüße aus dem Übermorgenland

Letzten Monat blieb ich an einer Klickstrecke auf Spiegel Online hängen, die dem Leser dabei helfen sollte, seinen eigenen Wohlstandslevel zu ermitteln. Das Ergebnis war: Im globalen Vergleich geht es mir (und vermutlich auch vielen anderen Bewohnern Deutschlands) ziemlich gut. Der Artikel enthielt auch eine E-Mail-Adresse, unter der Leser Feedback zu der Serie „Expedition Übermorgen“ liefern konnten, in der er erschienen war. Was ich zum Anlass nahm, einen kleinen Text zu verfassen. Diesen Text, den ich an die Redaktion von Spiegel Online geschickt habe, möchte ich auch hier präsentieren.

Vor ein paar Tagen fragte mich ein lieber Freund, wie ich mir das Übermorgen denke. Und er meinte damit wohl nicht meine persönliche Planung für den Tag nach dem folgenden, sondern eher meine Vision für den Planeten, oder zumindest für die Menschheit, in nicht allzu ferner Zeit. Eine berechtigte Frage: Auch das Jahrhundert ist ja mittlerweile stolze 17 Jahre alt, und in dem Alter darf man sich ruhig mal fragen: Wie stellst du dir eigentlich deine Zukunft vor?

Bevor ich in diesem Text aber ernsthaft über das Übermorgen nachdenken kann, möchte ich zunächst einmal den Blick ins Vorvorgestern richten, ins längst vergangene 18. Jahrhundert. Zu dieser Zeit begründete ein schottischer Moralphilosoph mit leichter, aber leider unsichtbarer Hand die Marktökonomie… und damit scheinbar auch die Morallehre, die im frühen 21. Jahrhundert zur weltbeherrschenden Ideologie geworden ist. Denn so kann man den Kapitalismus wohl bezeichnen, wenn ein Moralphilosoph ihn begründet hat: Als eine Morallehre, deren kategorischer Imperativ lautet: „Tu, was du willst, um reich zu werden… und um den Rest kümmert sich der Markt“. Was als allgemein gültige Maxime für das Leben in der vorindustriellen Gesellschaft einer Nation des 18. Jahrhunderts sicher schon problematisch war, ist im ungleich komplexeren Zusammenleben der globalen Gesellschaft des frühen 21. Jahrhunderts vermutlich komplett ungeeignet, den Menschen einen Weg aus dem Schlamassel aufzuzeigen, in dem sie sich zurzeit befinden.

Die aktuelle Weltlage adäquat zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Textes sprengen. Nur ein Gedanke sei angebracht: In manchen Staaten des freien Westens, irgendwo im reichen Norden des Planeten, wurde schon der Ruf nach einer „marktkonformen Demokratie“ laut. In anderen Staaten konnte man beobachten, was eine solche marktkonforme Demokratie hervorbringt: Einen Triumph des lautesten Marktteilnehmers, der am aggressivsten für sein Produkt wirbt und dabei am ehesten bereit ist, sämtliche etablierten Standards der nicht rein marktökonomischen Moral hinter sich zu lassen. „Do what thou wilt shall be the whole of the law“, hieß es schon bei Aleister Crowley, und wohin die konsequente Anwendung des thelemischen Gesetzes führt, ließ sich schon im 20. Jahrhundert oft genug feststellen, um es in unseren Tagen nicht noch einmal erleben zu wollen.

Wenn aber eine marktkonforme Demokratie ungeeignet scheint, die Probleme des 21. Jahrhunderts auf nationaler oder globaler Ebene zu lösen, dann wäre es unsere Aufgabe, an die Stelle des Kapitalismus eine demokratiekonforme Moral zu setzen, die eben nicht den belohnt, der am lautesten „Ich! Ich!“ schreit und den Rest dem Markt überlässt, sondern echte Werte fördert, anstatt nur den Marktwert zum Fetisch zu erheben. Manche fordern zum Beispiel, dass der Gerechtigkeit wieder ein größerer Stellenwert beigemessen werden soll. Dieser Schritt ist durchaus zu begrüßen. Persönlich setze ich für die Zukunft allerdings nicht nur auf Gerechtigkeit, sondern auf das 4G-Prinzip der Moral: Güte, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Gemeinsinn sollten die Leitlinien sein, an denen sich gesellschaftliches Handeln orientiert… und natürlich auch das individuelle Handeln, da jedes Individuum ja zugleich auch Mitglied der Gesellschaft ist. Sollte es gelingen, diese vier „G“ als die Grundprinzipien zu etablieren, auf denen die Definition künftiger Werte ruht, wäre sicher viel gewonnen.

Das einzige Problem: Güte, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Gemeinsinn sind zunächst einmal nur Worte. Sie zu definieren und die Definitionen mit Leben zu erfüllen, dürfte die Aufgabe einer Debatte sein, die es noch – oder wieder neu – zu führen gilt. Der Vorteil einer solchen öffentlich zu führenden Debatte aber liegt auf der Hand: Sie würde den Teilnehmern und dem Publikum erneut vor Augen führen, dass diese Werte existieren – und dass es sich lohnt, sie zu bedenken, wenn man Maximen für das eigene Handeln und das Handeln einer größtmöglichen Anzahl von Individuen einer arbeitsteiligen Gesellschaft definieren will.

Ob mein Freund mit meiner Antwort wohl zufrieden wäre? Ich kann mir nicht ganz sicher sein… Ich denke, eine umfassende Vision wäre ihm lieber gewesen. Vielleicht hätte er sich von mir etwas mehr erwartet als nur ein paar Schlagworte, die er selbst mit Leben füllen muss. Aber so ist das Leben: Man bekommt nicht immer das, was man sich erhofft, und wenn man es wirklich will, dann muss man es sich oft selbst erarbeiten.

Vielleicht finden sich ja Menschen, die meinem Freund und mir dabei helfen wollen, die Worte mit Leben zu füllen: Der Weg ins Übermorgen wird sicherlich nicht leicht, vielleicht sogar hart und steinig, weil noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist. Aber wenn ein paar kluge Köpfe uns dabei helfen, den Kurs festzulegen, können wir den Weg vorangehen, in der Hoffnung, dass möglichst viele uns begleiten mögen. Dass der Weg ins Übermorgen beschritten werden muss, erklärt sich aus der Linearität der Zeit von selbst… Wohin er aber führen soll, das können wir, die diesen Weg gehen müssen, an jedem neuen Tag gemeinsam neu bestimmen.

Ein Gedanke zu „Grüße aus dem Übermorgenland“

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